CEBIT Rundblick 2018: Das sind die deutschen Trends der Zukunft

Was einst als größte IT-Messe der Welt betitelt wurde, entwickelt sich zunehmend zu einem Technik-Festival. Vom 11. Juni 2018 bis zum 15. Juni 2018 sorgte die CEBIT, kurz für Centrum für Büroautomation, Informationstechnologie und Telekommunikation in Hannover für Furore.

Die CEBIT ist nicht nur ein Ort an dem viele Geschäfte gemacht werden, sondern bietet den Besuchern ebenfalls einen Blick in die Zukunft und den damit verbundenen Möglichkeiten.

Nachdem wir im Artikel „Deutschland digitalisier Dich! – oder werde zum Entwicklungsland” bereits die Missstände in Deutschland klar angesprochen haben, wollen wir hier den Blick nun auf etwas Positives werfen. Denn nur weil der Staat in Sachen Digitalisierung hinterherläuft, macht es die Industrie noch lange nicht.

Beim Gang durch und Gesprächen auf der CEBIT fällt auf, dass sich etwas aufs Neue zu entwickeln scheint, was die deutsche Wirtschaft stets gestärkt hat: die sogenannten Hidden-Champions.

In diesem Artikel stellen wir fünf deutsche innovative Unternehmen vor, damit Sie sich einen Überblick über die innovativen Möglichkeiten der Zukunft verschaffen können.

Company 1: Visionbox

VR und AR Entwickler-Team aus Ohlsbach

Wer glaubt, der Hype um Virtual Reality sei bereits vorbei und die Technologie wird sich zukünftig nicht durchsetzen, sollte nun unbedingt weiterlesen. Wie auf der CEBIT verdeutlicht wurde: VR hat nach wie vor großes Potential, insbesondere im Zusammenhang der Industrie 4.0.

Wer einmal in Wolfsburg das VW-Werk erkunden durfte, kennt die Präzision von Arbeitsteilung: In vielen unterschiedlichen Hallen werden die einzelnen Fahrzeug-Bauteile gefertigt und am Ende zusammengefügt. Doch was passiert, wenn eines dieser Teile nicht funktioniert und daraufhin die Produktion stehen bleibt?

Ich selbst habe einmal vor mittlerweile vielen Jahren meine Sommerferien ebendort verbracht. In unserer Einarbeitung wurden wir stets darauf hingewiesen, wie viel es dem Konzern kostet, sobald die Produktionskette auch nur eine Sekunde stehen bliebe.

Das Problem: Wiederkehrende Abläufe (wie auch das Fahrradfahren) setzen sich nur langsam in unseren Köpfen fest. Ein Neuling am Fließband kann erst in der Praxis lernen. Beim Fahrradfahren bedeutet das ein paar Mal hinzufallen – doch beim Beispiel VW hingegen sind selbst sekundenlange Stillstände weitreichender.

Training wie in der Matrix?

Abhilfe soll hier in Zukunft Virtual Reality schaffen und die Anzahl der vielen Aussteller zeigt, dass diese schon mitten in der Industrie 4.0 angekommen ist.

Die deutsche Agentur Visionbox hat sich hierbei auf das Designen von VR-Räumen spezialisiert. So können sie zum Beispiel Arbeitsplätze vollständig virtuell nachbauen. Der Brillenträger kann dann sogar mit den Inhalten interagieren, sodass er sich die Handgriffe für seinen Arbeitsplatz in der Produktion bereits im Voraus antrainieren kann.

Darüber hinaus lässt sich diese Technologie auch perfekt für Produktpräsentationen in Verkaufsgesprächen oder gar VR-Meetings nutzen, indem jeder Teilnehmer einen eigenen Avatar erhält.

Mein Fazit: Die Technologie ist sehr interessant und wird sicherlich in der Industrie für das Anlernen von Mitarbeitern eingesetzt werden. Mir persönlich bereitet sie bei der Nutzung jedoch noch leichte Kopfschmerzen, sodass ich für ortsunabhängige Meetings zunächst bei Skype bleiben werde, bis die Hologramm-Technik ausgereifter ist.

Company 2: Kauz

Chatbot-Entwickler aus Düsseldorf

Spätestens seit der letzten Google Präsentation, in der auf Basis künstlicher Intelligenz Computer mit Menschen kommunizierten, fragt sich jeder: Wie weit ist diese Technik bereits?

Der Blick auf die CEBIT, speziell nach einer deutschen Lösung, war hier zunächst ernüchternd. Allerdings gibt es bereits diverse Chatbots, die den Kundensupport unterstützen und somit einen hervorragenden Kundenservice rund um die Uhr garantieren sollen.

In der Praxis funktioniert dies jedoch noch nicht einwandfrei, da Chatbots immer wieder an ihre Grenzen stoßen, sodass natürliche Intelligenz erforderlich wird. Dieses will das deutsche Startup Kauz nun ändern.

Das Düsseldorfer Startup wirbt mit dem ehrgeizigen Ziel, den besten deutschsprachigen Chatbot zu entwickeln. Ihr interessanter Ansatz: Bei der Entwicklung arbeiten Programmierer eng mit Linguisten zusammen. Durch diese tief-semantische Analyse soll der Chatbot die Nachrichten genauso gut verstehen wie es auch ein Mensch tun würde.

Der Chatbot soll in der Praxis insbesondere den Kundensupport entlasten. So kann er zum Beispiel auf einem Webshop Beratungsgespräche führen.

Auf ihrer Website wirbt Kauz bereits mit prominenten Kunden wie der Sparkasse und deutschen Bahn und laut dem Gründer Thomas Rüdel können sie allein im E-Commerce die Kosten pro Kundenaktion um „80 bis 90 Prozent senken”.

Mein Fazit: Eine sehr interessante Technologie mit einem sehr ambitionierten Gründerteam. Dies lohnt sich für jeden Unternehmer zu beobachten und eventuell schon zeitnah zu testen.

Ein erster Test für einen Schokoladen-Online-Shop ist bereits hier verfügbar.

Company 3: Cedalo

IoT-Startup aus Freiburg

Mit der Digitalisierung und Industrie 4.0 entstehen neben einer Fülle an Chancen und Möglichkeiten auch neue Herausforderungen. Eine der größten Hürden ist sicherlich die Organisation der unzähligen Datenströme, die in Unternehmen anfallen. Komplexe Datensätze und Prozesse müssen miteinander verknüpft, analysiert und kontrolliert werden.

Das Startup Cedalo bietet dafür nun eine innovative Allround-Lösung an. CEO und Founder von Cedalo ist kein geringerer als Kristian Raue. Der Unternehmer hat als Gründer der Softwarefirma Jedox in der Vergangenheit bereits große Erfolge verbuchen können. Sein neuestes Startup scheint ebenfalls sehr zukunftsträchtig zu sein.

Cedalo ist ein „Internet of Things”-Unternehmen (IoT) und hat eine Software entwickelt, die es ermöglicht, technische Anlagen wie Maschinen an Computerprogramme zu koppeln und somit komplexe Unternehmensprozesse zu automatisieren.

Das Besondere: Fachanwender können ohne Programmierkenntnisse individuell und unternehmensspezifisch Apps und Microservices erstellen, die über eine Bedienoberfläche ähnlich der gewohnten Tabellenkalkulationen gesteuert werden. Im Hintergrund wird dabei während des Prozesses der Programmiercode mitgeschrieben.

Das Unternehmen scheint laut eigener Aussage bereits große Kunden an Land gezogen zu haben: Die Software befinde sich unter anderem bei Bosch in der Testphase.

Mein Fazit: Die Software zeigt sehr großes Potenzial, da es vermutlich für jedes Industrieunternehmen interessant werden könnte. Dies kann einerseits durch einen erfahrenen Gründer und andererseits durch die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten des Programms begründet werden. Cedalo könnte komplexe Prozesse in unterschiedlichsten Bereichen vereinfachen und somit Arbeit erleichtern.

Company 4: DFKI

Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz mit Sitz in Kaiserslautern, Saarbrücken, Bremen und Berlin

Aktuelle Studien und Erhebungen zur Digitalisierung in Deutschland mögen den Anschein erwecken, dass unser Land im Vergleich zu manch anderen asiatischen oder skandinavischen Nationen wie Südkorea, Japan oder Schweden digital mittlerweile abgeschlagen ist. Dass diesem nicht in allen Bereichen so ist, zeigt das Forschungsgebiet der künstlichen Intelligenz (KI).

Das so genannte Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH (DFKI) ist bereits seit über 30 Jahren in der Forschung tätig und somit sicherlich kein junges Startup mehr. Trotzdem zeugt das Institut von großer Innovationskraft.

Das DFKI zeigte in diesem Jahr auf der CEBIT große Präsenz und stellte an verschiedenen Ständen imposant und erlebnisreich aktuelle Projektergebnisse und Forschungsprototypen und KI-Forschungsfelder vor.

Das DFKI forscht unter anderem in den Bereichen:

  • Mensch-Roboter-Kollaboration
  • Body- und Motion-Tracking
  • Lernende Systeme
  • Deep Learning
  • Tax Data Analytics
  • Immersive Quantified Learning
  • Smart Services für den Alltag
  • Rehabilitationsrobotik
  • Gender IT

Der Einblick in das Forschungsspektrum des DFKI verdeutlicht die Zukunftsorientierung und Zielstrebigkeit des Forschungszentrums. Der Arbeit des DFKI hat und wird in naher Zukunft für Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen große Relevanz haben.

Einen sehr spannenden Ansatz verfolgt das Forschungszentrum im Bereich Steuern bzw. Tax 4.0. In Zusammenarbeit mit der internationalen Steuerberatungsgesellschaft WTS arbeitet das DFKI an einer robotergestützten Prozessautomatisierung, die insbesondere  Massenprozesse im Steuerbereich (darunter Gewerbesteuer, Umsatzsteuer und Zoll) betreffen.

Prozessautomatisierung könnte viel Arbeit im Steuerwesen erleichtern

So erfasst der auf der CEBIT vorgestellte Demonstrator RPAi Gewerbesteuerbescheide in Papierform und extrahiert relevante Informationen. Diese werden im Anschluss vollautomatisch von Robotern über grafische Benutzerschnittstellen in bestehende Softwaresysteme übertragen.

Die Prozessautomatisierung erspart Unternehmen und Institutionen zwar nicht ihre Steuerlast, doch sie könnte viel Arbeit abnehmen und Prozesse vereinfachen.

Auch in Bezug auf die neue Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) arbeitet das DFKI aktiv an Problemlösungen. Ein konkretes Projekt stellten sie auf der diesjährigen CEBIT vor:

Ein großes Problem vieler Anwender besteht darin, dass Nutzer einerseits auf datenbasierte Dienste angewiesen sind, jedoch andererseits ihre informationelle Selbstbestimmung fordern.

Auf der CEBIT stellten sie ihren so genannten Daten-Souveränitäts-Manager (DaSoMan) vor. Dieser soll Endnutzern die Verwaltung ihrer Daten ermöglichen und auf Datenübertragungen hinzuweisen, die Rückschlüsse auf die eigene Identität zulassen könnten.

Mithilfe des DaSoMan werden Daten nun gesetzeskonform anonymisiert, übermittelt und analysiert. So kann gleichzeitig ein Mehrwert aus diesen Daten erzielt werden.

Mein Fazit: Das DFKI hat bereits vor 30 Jahren die Zukunftsträchtigkeit künstlicher Intelligenz erkannt. Seitdem arbeitet das Forschungszentrum aktiv an spannenden Ansätzen, die große Relevanz für die Gesellschaft und Unternehmen aufweist. Das DFKI wird in Zukunft sicherlich noch viel mehr Innovationen „Made in Germany“ hervorbringen.

Company 5: Madana

Blockchain-Start-up aus Berlin

Die Menge an Daten, die ständig und überall produziert und weitergeleitet werden, ist mittlerweile kam noch zu erfassen. Wer Daten besitzt, hat Macht, so die neue Devise. Mit den riesigen Datenmengen gehen auch viele Risiken einher.

Während 2015 mehr als 700 Mio. Datensätze kompromittiert wurden, verdoppelte sich diese Zahl 2016 fast auf 1,3 Milliarden. Weder Regierungen noch privatwirtschaftliche Unternehmer konnten Hacker davon abhalten, sensible Daten auszuspähen. Darüber hinaus werden viele Angriffe nicht oder erst nach Monaten entdeckt.

Datenschutz und Datensicherheit ist eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Diese Ansicht vertritt auch das Team von MADANA, kurz für Market for Data Analysis. Das Blockchain-Startup hat es sich zur Aufgabe gemacht, den fairen Datenhandel zu fördern und bedient sich dabei der Blockchain-Technologie.

Zudem kooperiert MADANA mit Unternehmen und politischen Einrichtungen, die ebenfalls darauf abzielen, die Gesellschaft für das Thema „Data Privacy“ zu sensibilisieren.

Datenschutz ist eines wichtigsten Themen unserer Zeit

Mit ihrer auf der CEBIT vorgestellten Lösung möchte MADANA Privatpersonen, Institutionen und Unternehmen die Macht über ihre Daten zurückgeben, die sie über verschiedene Endgeräte ständig und überall produzieren. Die Datenproduzenten können ihre eigenen Daten anonym monetarisieren und somit aktiv am Datenmarkt teilnehmen, der momentan vor allem für große Player wie Google, Facebook, Amazon und Co. profitabel sind.

Die Technologie funktioniert wie folgt: Entstandene Daten bleiben beim Produzenten gespeichert, werden verschlüsselt und nur dann weitergeleitet, wenn der Datenproduzent für das MADANA-Ecosystem diese freigibt. Produzenten werden somit für ihre Daten mit der Kryptowährung PAX entlohnt.

Unternehmen, die diese Daten kaufen, enthalten keine einzelnen Datensätze, sondern Ergebnisse von algorithmenbasierten Analysen, die von MADANA durchgeführt werden.

Mein Fazit: Ich finde den Ansatz, Daten – das wertvollste Gut der Neuzeit – anonymisiert zu verkaufen und einen großen Pool zu schaffen, der ebenso der Wissenschaft dienen kann, sehr spannend. MADANA verbindet ein dringendes Problem der Gesellschaft (Ausnutzen von Daten) mit einer fairen kapitalistischen und blockchain-basierten Lösung.

Alle vorgestellten Unternehmen strahlen viel Innovationskraft und Zukunftsorientierung aus. Ich bin mir sicher, dass wir vom ein oder anderen Startup in Zukunft noch einiges hören werden.

Also liebe Hidden-Champions: CE you in a BIT!