Deutschland, wach auf und digitalisier dich! – oder werde zum Entwicklungsland…


„Deutschland geht es so gut wie nie zuvor.” Das ist zumindest das, was uns die Politiker sagen. „Unser Land wächst, wir haben viele Jobs, innovative Unternehmen, uns wird es auch zukünftig weiter gut gehen, macht euch keine Sorgen.” 

Und als ob das nicht schon genug gute Neuigkeiten wären, gibt es jetzt auch noch in der Bahn Internet. Und weil sie nun etwas Neues zu bewerben hat – die Pünktlichkeitsquote ist dafür ja offensichtlich nicht tauglich – hängt sie auch noch schöne Werbeplakate auf.

Werbeplakat der Deutschen Bahn: Die gut gelaunte Dame scheint das WLAN noch nicht getestet zu haben

Ich muss zugeben ich war beeindruckt, fast euphorisch. Denn, auch wenn WLAN in Zügen in anderen Ländern schon längst dem Standard entspricht, empfand ich dies als ersten tollen Schritt für das digital hinterher hinkende Deutschland.

Ich malte mir bereits aus, wie schön Bahn fahren sein wird: inspirierende Ruhe um mich herum, Beinfreiheit, Kaffee und dazu signalstarkes WLAN, sodass sich die Reisezeit produktiv nutzen lässt. Ich wurde leider schnell und unsanft aus meinem kleinen Tagtraum geweckt, als ich das WLAN der Bahn endlich testen durfte.

Zunächst konnte mein Skype-Termin aufgrund der schlechten Verbindung nicht stattfinden. Dies konnte ich der Bahn noch verzeihen, es war ja noch kein Meister vom Himmel gefallen. Doch spätestens als es in Richtung Fulda durch ländliche Gegenden Deutschlands ging, passierte nahezu gar nichts mehr.

So eine kleine digitale Pause kann auch ganz entspannend sein, nur hatte mir das WLAN-Werbeplakat der Bahn vorab versprochen, dass ich meine Reisezeit sinnvoll, beispielsweise in Arbeit und somit in Wertschöpfung investieren könnte.

Wer ist in Deutschland für das schlechte Internet verantwortlich?

Die Digitalisierung muss für unsere Politiker mindestens genauso schnell und plötzlich vor der Tür gestanden haben wie Weihnachten am Ende jedes Jahres, so meine Vermutung. Wieso wird nichts dagegen unternommen, dass uns, eine der größten Industrienationen weltweit, dadurch der Rückfall zum Entwicklungsland droht?

Leider ist dies keine Übertreibung, wie das folgende Beispiel zeigt: Drei Viertel aller Haushalte in Japan und Südkorea verfügen mittlerweile über high-speed Internet mit bis zu 200 MBit/s via Glasfaserleitung. Deutschland kommt im direkten Vergleich nur auf knapp zwei Prozent.

Die Chronologie des Versagens

Das Thema Internet wurde in der Regierung in der Vergangenheit bereits mehrfach angesprochen. Leider blieb es weitestgehend auch dabei, wie die Chronologie der Aussagen in der Politik verdeutlicht:

Die Versprechungen der Regierung seit 2008

Fazit: Seit 10 Jahren wird es versucht, aber nichts passiert.

Ist die Regierung zu unfähig für Breitbandanschlüsse?

Wenn man sich die politischen Versprechungen aus der Vergangenheit anschaut, kann mich das nur zu zwei Schlüssen bringen, die rational einleuchtend sind:

  1. Die Regierung spielt das „Interesse an der Digitalisierung” für Wählerstimmen nur vor
  2. Die Regierung ist unfähig, die Digitalisierung voranzutreiben

Doch woran liegt es, dass Deutschland seit Jahren in Sachen Breitbandanschlüssen auf Status Quo steht? Hierfür muss man schauen, wem das Internet in Deutschland, denn genau „gehört”.

Bremst die Privatisierung die Entwicklung des Landes?

In Deutschland wurden in den vergangenen Jahren in regelmäßigen Abständen Institutionen privatisiert. Nachdem die Deutsche Bundespost damals in private Hand und so in die Deutsche Post AG, Postbank AG und Deutsche Telekom AG überging, wurde vom Staat in Hinblick auf das Internet nie festgelegt, wie diese Infrastruktur ausreichend ausgebaut wird. Ein schwerwiegendes Versäumnis.

Somit geht es nicht mehr darum, was für Deutschland am besten ist, sondern wie sich am einfachsten Geld verdienen lässt – und dies geht natürlich nicht, wenn man auch die hintersten Ecken des Sauerlandes mit dem Glasfasernetz ausstatten muss.

Dies führt unsere Politiker natürlich in ein Dilemma: Wenn die privaten Unternehmen nicht investieren, muss es der Staat selbst übernehmen. Der dadurch entstehende Gewinn geht natürlich an die privaten Unternehmen.

Doch profitiert nicht auch der Staat davon, wenn sich Unternehmen so schneller entwickeln und die Arbeitsproduktivität im Land erhöht wird?

„Deutschland braucht das schnellste und intelligenteste Netz der Welt.”, sagte der damalige Internetminister” Alexander Dobrindt bereits 2013. Seine Aussage (an dieser Stelle danke für Nichts) war sowieso fernab jeglicher Realität, da zu diesem Zeitpunkt beispielsweise Tokio schon 1-Terabyte-Anschlüsse für 50 Dollar pro Monat stellte. Viel mehr geht es für Deutschland darum, den Bürgern eine schnelle und stabile Internet-Infrastruktur zur Verfügung zu stellen.

Wenn das Netz mal wieder zu langsam ist — via GIPHY

Das stolze Deutschland als Entwicklungsland der Digitalisierung

Innerhalb der OECD-Staaten liegt Deutschland auf Platz 28 von 32 – bezogen auf die Digitalisierung allgemein. Auch in der digitalen Verwaltung liegt Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Ländern nur auf Platz 20 von 28.

Selbst Bulgarien verfügt über bessere digitale Netze, obwohl die Wirtschaft in diesem Land erhebliche Probleme aufweist: Der mittlere Bruttostundenverdienst lag in Bulgarien bei der letzten Eurostat-Erhebung 2014 bei 1,70 Euro (Deutschland kommt auf 15,70 Euro).

Deutschland im Vergleich nach Voss (2017) und Weck (2017)

Diese Statistiken belegen, dass unsere Politiker auf diesem Gebiet derzeit total versagen. Statt ihrer Verantwortung gegenüber der nächsten Generation nachzukommen und den Wohlstand in unserem Land für die Zukunft zu sichern, klopfen sie sich lieber selber auf die Schultern für die zwei bis drei Prozent Wirtschaftswachstum, die wir jährlich erreichen.

Dies klingt zwar insgesamt sehr positiv, jedoch sind unsere Politiker auch die Meister im Schönreden. Dies macht auch die Entwicklung im Digitalisierungssektor allgemein deutlich, wie das folgende Beispiel zeigt:

Wie GAFA den DAX abzieht

Wer sich lediglich die vier größten Unternehmen der Welt Google, Apple, Facebook und Amazon (GAFA) anschaut, realisiert schnell, dass wir uns durch die schnellen technologischen Entwicklungen in einer Ära der Quantensprünge befinden – und diese lässt unsere zwei bis drei Prozent Wachstum sehr schwach aussehen.

So sind GAFA allein in den letzten zwölf Monaten um 500 Milliarden Euro gewachsen. Im Vergleich dazu entspricht allein dieses Wachstum knapp der Hälfte des Gesamtwertes der 30 wirtschaftsstärksten deutschen DAX-Unternehmen:

GAFA legen innerhalb von zwölf Monaten „einen halben DAX” zu

Dieser Vergleich macht deutlich: Das Geld wird von den vier Digital Playern gemacht, die uns im Vergleich zum deutschen DAX ordentlich abziehen. Dabei stellt sich insbesondere in der Digitalbranche die Frage, wieso deutsche Unternehmen auf diesem Niveau nicht mithalten können. Mahlen Deutschlands politische Mühlen etwa zu langsam, um innovative Unternehmen unterstützen zu können?

Der neue Koalitionsvertrag verspricht dafür nun die Einrichtung von Fördermitteln in Höhe von zehn bis zwölf Milliarden Euro. Zudem sollen Bürger künftig mithilfe einer App der Bundesnetzagentur Funklöcher im Land melden können. Letzteres bleibt besonders spannend, denn wie sollen Funklöcher gemeldet werden, wenn man dabei keinen Balken Empfang hat? Mein Popcorn steht schon bereit. Aber vielleicht belehren uns unsere Politiker ja eines Besseren.

Es bleibt spannend beim Breitbandausbau — via GIPHY

Wie Deutschland auf Kurs gebracht werden kann

Um die Digitalisierung in Deutschland voranzutreiben, bedarf es keine leeren „Wir schaffen das!”-Phrasen, sondern einem Wir machen das” in Verbindung mit einem klaren Masterplan von echten Experten, der auch umgesetzt wird.  

Einen ersten wichtigen Schritt diesbezüglich könnte Dorothee Bär gemacht haben. Unsere Staatsministerin für Digitales hat kürzlich Frank Thelen als ihren Berater für digitale Themen ernannt. Der prominente Startup-Investor aus der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen” kann als innovativer Impulsgeber und Richtungsweiser fungieren, um Deutschland stärker auf Digitalisierungskurs zu bringen.

Nur wenn die Digitalisierung als Chance gesehen und anschließend als solche genutzt wird, können an neuen Stellen Jobs entstehen, die durch die Digitalisierung wegfallen. Und nur so kann sich Deutschland davor retten, zum Entwicklungsland zu werden. Und die Deutsche Bahn würde es sicherlich auch freuen, wenn sie in Zukunft mal etwas zu bewerben hätte, was auch wirklich nach Plan läuft. Ein funktionelles WLAN im „Aushänge-Zug” des Landes wäre doch schon mal ein Anfang.

60-Sekunden-Kurzfassung

Deutschland war einst eine der innovativsten Industrienationen der Welt. Heute ist es in Bezug auf die Digitalisierung im Allgemeinen und den Breitbandanschluss im Speziellen ein Entwicklungsland. Seit mehr als zehn Jahren verspricht die Regierung, den Ausbau eines schnellen Internets von bis zu 50 MBit/s für die deutschen Haushalte. Passiert ist wenig.

Im internationalen High-Speed-Vergleich belegt Deutschland einen der hinteren Plätze, Nationen wie Japan oder Südkorea sind darin mittlerweile führend und bieten ihren Bürgern high-speed Internet von bis zu einem Terabyte an. Wer für das schlechte Netz in der Bundesrepublik verantwortlich ist, lässt sich schwer sagen.

Weder private Anbieter wie die Telekom noch die Regierung zeigten in der Vergangenheit ernsthaftes Interesse, den Breitbandausbau flächendeckend voranzutreiben. Der neue Koalitionsvertrag von 2018 verspricht nun die Einrichtung von Fördermitteln in Höhe von zehn bis zwölf Milliarden Euro. 

Versprechen sind schön und gut, doch hoffen wir inständig, dass dieses Mal auch Taten folgen. Mit dem aktuellen Kurs steht Deutschland auf einem Fleck, während die Welt schneller und schneller wird. Ist es da noch ein Wunder, dass mehr und mehr Unternehmen ihren Sitz aus Deutschland abziehen?